Motorola wurde 1928 als Galvin Manufacturing Corporation in Chicago gegründet und schrieb Technikgeschichte – von den ersten Autoradios über die Funktechnik der Mondlandung bis hin zur Erfindung des Mobiltelefons. Nach einer turbulenten Phase der Aufspaltung im Jahr 2011 und einem kurzen Intermezzo unter Google (2012–2014) wurde die Mobilfunksparte Motorola Mobility 2014 vom chinesischen Technologiekonzern Lenovo übernommen. Heute agiert Motorola als 100-prozentige Tochtergesellschaft von Lenovo, hat seinen Hauptsitz für Forschung und Design jedoch weiterhin in Chicago. Diese Konstellation erlaubt es der Marke, amerikanische Ingenieurstradition mit der globalen Lieferkette und Effizienz eines chinesischen Großkonzerns zu verbinden.
Unter der Führung von Lenovo verfolgt Motorola eine Strategie der "Premiumisierung" und globalen Expansion. Während die Marke in Nord- und Lateinamerika traditionell sehr stark vertreten ist (oft Platz 3 hinter Apple und Samsung), baut das Unternehmen seine Präsenz in Europa und Asien massiv aus. Motorola positioniert sich dabei als breit aufgestellte Marke, die vom günstigen Einsteigergerät bis zum innovativen High-End-Foldable alles anbietet. Durch strategische Partnerschaften, etwa mit Pantone für exklusive Gerätefarben oder im B2B-Bereich, wird die Marke zunehmend als Lifestyle- und Business-Lösung inszeniert.
Motorola gliedert sein aktuelles Portfolio in klar definierte Serien, die unterschiedliche Zielgruppen ansprechen:
- Razr (Foldables): Diese Serie belebt die ikonische Klapphandy-Marke der 2000er Jahre neu. Es handelt sich um faltbare Smartphones im "Clamshell"-Design, die modernste Display-Technologie mit Lifestyle-Faktor verbinden. Das aktuelle Flaggschiff (z. B. Razr 50/60 Ultra bzw. Razr+ 2025) bietet riesige, funktionale Außendisplays und KI-Funktionen. Damit konkurriert Motorola direkt und aggressiv mit der Galaxy Z Flip-Reihe von Samsung.
- Edge-Serie (Premium & Flaggschiff): Hier bündelt Motorola seine klassischen High-End-Smartphones im Barren-Format. Der Fokus liegt auf Ästhetik (oft mit veganem Leder, Holzrückseiten oder Perlmutt-Optik), sehr schnellem Laden (TurboPower) und hochwertigen pOLED-Displays. Die Edge-Geräte zielen auf Nutzer ab, die Design und Performance suchen, ohne zwangsläufig zu den Marktführern greifen zu wollen.
- Moto G-Familie (Mittelklasse & Einsteiger): Die G-Serie ist das historische Rückgrat des Unternehmens und für den Großteil der Verkaufszahlen verantwortlich. Sie steht für ein solides Preis-Leistungs-Verhältnis, lange Akkulaufzeiten und robuste Alltagstauglichkeit. Unterserien wie Moto G Power (Fokus auf Akku) oder Moto G Play (Einsteiger) bedienen preisbewusste Käufer, die zuverlässige Technik suchen.
- ThinkPhone (Business / B2B): Ein direktes Resultat der Synergie mit Lenovo. Das ThinkPhone ist optisch und funktional an die berühmten ThinkPad-Laptops angelehnt. Es bietet erweiterte Sicherheitsfunktionen (ThinkShield), ist extrem robust (Aramidfaser-Gehäuse, IP68, Militärstandard) und integriert sich nahtlos in Windows-Umgebungen. Es richtet sich primär an Geschäftskunden und IT-Flotten.
- Software & Ökosystem: Mit der Einführung von "Hello UI" modernisiert Motorola seine Benutzeroberfläche und bietet mehr Personalisierungsmöglichkeiten. Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal ist "Smart Connect" (früher "Ready For"), eine Software-Lösung, die Motorola-Smartphones nahtlos mit Lenovo-PCs und Tablets verbindet. Dies ermöglicht Funktionen wie Dateiaustausch per Drag & Drop, App-Streaming auf den PC-Monitor oder die Nutzung des Handys als hochauflösende Webcam.
Motorola gilt heute als erfolgreiches Beispiel für eine Marken-Renaissance. Vom Sanierungsfall hat sich das Unternehmen zu einem profitablen Innovator gewandelt, der insbesondere im Bereich der faltbaren Displays und durch die Verknüpfung von Smartphone und PC (Mobile & Desktop) technologische Akzente setzt. Auch im bereich KI verfolgt Motorola mit der hauseigenen "Moto AI" entsprechende Ambitionen.
Trotz der Erfolge steht Motorola zuletzt aufgrund seiner Software-Update-Politik in der Kritik. Während Konkurrenten wie Xiaomi. Samsung oder Google mittlerweile bis zu sieben Jahre garantierte Updates bieten, hinkt Motorola oft hinterher, insbesondere bei günstigeren Modellen. Brisanz erhält dieses Thema durch die neue EU-Verordnung für Smartphones. Diese zielt eigentlich darauf ab, Hersteller zu einer Mindestversorgung mit Updates (oft 5 Jahre) zu verpflichten, um die Langlebigkeit der Geräte zu erhöhen. Berichten zufolge nutzt Motorola jedoch eine spezifische Formulierung im Gesetzestext als Schlupfloch: Die Verordnung besagt, dass Updates kostenlos bereitgestellt werden müssen, falls der Hersteller sie anbietet. Motorola interpretiert dies offenbar so, dass keine zwingende Pflicht zur Bereitstellung neuer Android-Versionen besteht, sondern lediglich die Kostenfreiheit gewahrt sein muss. Dies führt dazu, dass einige Modelle weiterhin kürzere Support-Zyklen aufweisen als vom Gesetzgeber intendiert, was bei Verbraucherschützern und Technik-Experten für Unmut sorgt.