Am selben Tag, an dem OnePlus seinen Abschied aus Europa und Nordamerika offiziell bestätigte, folgte die nächste Meldung aus dem Oppo-Konzern: Auch Realme richtet sich grundlegend neu aus. In einem offenen Brief an die Nutzerschaft, der auf Weibo veröffentlicht wurde, teilte Realme's Führung mit, dass die Marke ihr eigenständiges Chinageschäft vorerst einstellt und alle verfügbaren Ressourcen auf internationale Märkte verlagert. Das Besondere daran: Im Gegensatz zu OnePlus, das sich aus dem Westen zurückzieht, vollzieht Realme den umgekehrten Schritt und gibt ausgerechnet den "Heimatmarkt" (streng genommen ist Indien der Heimatmarkt, da Realme ursprünglich dort an den Start ging) auf.
In dem Brief wird die Entscheidung als Ergebnis sorgfältiger Abwägung beschrieben. Die Marke wolle sich künftig auf Performance und Gaming konzentrieren und diese Ausrichtung gezielt in Überseemärkten vorantreiben. Als konkrete Zielregionen gelten laut Berichten insbesondere Südostasien sowie Teile Europas, darunter offenbar der nordische Raum mit Ländern wie Finnland, Dänemark, Schweden, Norwegen und Island. Für bestehende Realme Nutzer in China soll der Wegfall der eigenständigen Aktivitäten keine unmittelbaren praktischen Konsequenzen haben: Garantieleistungen und Kundendienst für bereits verkaufte Geräte werden demnach vollständig durch Oppo's eigenes Servicenetzwerk übernommen.
Dass Realme ausgerechnet jetzt aus China aussteigt, hat einen nachvollziehbaren Hintergrund. Die Marke hatte zuletzt erhebliche Überschneidungen mit OnePlus im mittleren Preissegment, was intern zu Kannibalisierungseffekten geführt haben dürfte. Berichten zufolge wurden die Marketing- und Servicestrukturen beider Marken in China bereits im April 2026 unter eine gemeinsame Führung gestellt. Der Rückzug aus dem Heimatmarkt ist damit auch ein Mittel, interne Konkurrenz zu reduzieren.
Parallel zur Ankündigung des Rückzugs aus Fernost hat Realme auch auf Softwareseite eine bereits vorab in der Gerüchteküche diskutierte Änderung offiziell bestätigt. Realme UI, das die Marke seit 2020 als eigenständige Android-Oberfläche betreibt, wird künftig nicht mehr weiterentwickelt. Stattdessen sollen kommende Geräte direkt mit ColorOS 17 erscheinen, das auf Android 17 basiert. Bestandsgeräte, die noch im Rahmen des zugesagten Update-Zeitraums liegen, sollen ebenfalls die Möglichkeit erhalten, auf ColorOS umzusteigen, sobald die entsprechende Version verfügbar ist. Damit vollzieht Realme denselben Schritt wie OnePlus mit OxygenOS, und Oppo vereinheitlicht seine Softwareplattform über alle Tochtermarken hinweg auf einen gemeinsamen Nenner.
Technisch ist der Übergang weniger weitreichend, als er auf den ersten Blick wirkt. Realme UI basierte von Beginn an auf ColorOS und war in weiten Teilen ohnehin eng mit der Oberfläche der Muttermarke verwandt. Für die meisten Nutzer dürfte der Unterschied im Alltag gering ausfallen. Bemerkenswert ist dennoch der symbolische Charakter des Schritts: Realme hatte Realme UI 2020 eingeführt, um eine eigenständige Markenidentität zu unterstreichen. Deren Aufgabe ist ein klares Signal dafür, dass diese Eigenständigkeit nicht mehr das Ziel ist.
Betrachtet man die Entwicklungen der vergangenen Monate im Zusammenhang, ergibt sich ein konsistentes Bild. Oppo bündelt seine Markenarchitektur zunehmend: Realme konzentriert sich auf das internationale Volumengeschäft mit Fokus auf Performance und Gaming, OnePlus verbleibt in China und Indien, und die Hauptmarke Oppo übernimmt in Europa das Premiumsegment. Alle drei Marken laufen dabei künftig auf derselben Softwareplattform. Was einmal als diversifizierte Mehrmarkenstrategie gedacht war, wird schrittweise in eine koordinierte Konzernstruktur überführt, in der jede Marke eine klar abgegrenzte Rolle übernimmt.
Für europäische Realme Nutzer bedeutet die Neuausrichtung vorerst keine negativen Konsequenzen, im Gegenteil: Wenn die Ankündigungen stimmen, will Realme in Europa aktiver werden, nicht weniger. Ob sich das in einem breiteren Produktangebot niederschlägt oder zunächst nur in bestimmten Regionen, bleibt abzuwarten. Konkrete Produktankündigungen für den europäischen Markt hat Realme bislang nicht gemacht.
Quelle(n): Realme (Weibo)
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