Von ChinaMobileMag auf Mittwoch, 27. Mai 2026
Kategorie: News

Motorola-Smartphones schleusen heimlich Affiliate-Links in die Amazon-App ein

Auf mehreren Motorola-Smartphones wird beim Öffnen der Amazon-App unbemerkt ein Affiliate-Code eingeschleust. Entdeckt hat das ein Nutzer des Motorola Razr 60 Ultra auf Reddit, der sich wunderte, warum der Tap auf das Amazon-Symbol nicht direkt die App öffnete, sondern stattdessen kurz den Browser startete und über eine merkwürdige URL auf die Amazon-Startseite umleitete. Eine Analyse des Netzwerkverkehrs per ADB brachte die Ursache ans Licht: die vorinstallierte Systemapp "Smart Feed".

So funktioniert die Umleitung

Die App Smart Feed ist auf vielen Motorola-Geräten ab Werk installiert, jedoch als versteckte Systemanwendung, die im normalen App-Menü nicht sichtbar ist. Ihrem eigentlichen Zweck nach soll sie Nutzern dabei helfen, News, Apps und Spiele zu entdecken. Tatsächlich überwacht sie aber offenbar auch, welche Apps geöffnet werden. Startet ein Nutzer Amazon aus dem App-Drawer, fängt Smart Feed diesen Aufruf ab, öffnet kurzzeitig den Browser, lädt dort eine URL mit eingebettetem Affiliate-Code und leitet danach in die Amazon-App weiter. Der ganze Vorgang dauert ggf. unter einer Sekunde und fällt im Alltag kaum auf. Wichtig: Das Verhalten tritt nur auf, wenn die App aus der allgemeinen App-Übersicht gestartet wird. Verknüpfungen auf dem Homescreen sind nicht betroffen.

Die Redaktion von 9to5Google konnte das Verhalten auf einem Motorola Razr Fold nachvollziehen und auch eingrenzen, ab wann es auftritt: Version 2.03.0056 der Smart Feed App zeigt es nicht, ab Version 2.03.0070 ist es vorhanden. Auf einem Moto G Stylus (2026) mit derselben App-Version ließ es sich hingegen nicht reproduzieren. Auch das manuelle Sideloading der neueren Version löste das Verhalten in Tests nicht aus, was darauf hindeutet, dass zusätzliche Faktoren eine Rolle spielen.

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Eine merkwürdige Spur zu einer Mode-Influencerin

Bei näherer Betrachtung wird die Angelegenheit noch seltsamer. Der Netzwerkverkehr läuft zunächst über die Domain devicenative.com, einen Werbedienstleister, der nach eigenen Angaben Werbeflächen auf Smartphones vermittelt und eine Verbindung zu Motorola nicht verbirgt. Die eigentliche Weiterleitung erfolgt dann über die Domain kira-abboud.com, die auf die Mode-Influencerin Kira Abboud verweist. Der dabei verwendete Amazon-Affiliate-Code lautet "sramz-kff-008-20", taucht aber weder auf den Social-Media-Kanälen noch auf den verlinkten Seiten von Abboud auf. Die Codes, die sie regulär und gekennzeichnet verwendet, sehen anders aus.

Warum der Umweg über eine offenbar nicht direkt beteiligte Influencerin genommen wird, ist unklar. 9to5Google vermutet, dass Motorola selbst möglicherweise gar nicht hinter dem Vorgehen steckt, sondern ein vorinstalliertes Werbe-SDK ohne Wissen des Herstellers manipuliert wurde. Belege dafür gibt es bisher keine, und eine offizielle Stellungnahme von Motorola steht zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch aus.

Kein Bagatellproblem

Das Verhalten betrifft keineswegs nur günstige Einsteiger-Smartphones. 9to5Google hat es wie erwähnt auf dem Razr Fold verifiziert, das in den USA für rund 1900 US-Dollar gehandelt wird und auch bei uns in Deutschland knapp unter 2000€ kostet. Wer so viel für ein Gerät ausgibt, darf erwarten, dass es sich so verhält, wie es soll, und keine eigenmächtigen Umleitungen vornimmt.

Für die Nutzer entstehen beim Einkauf zwar keine höheren Kosten, das ändert aber nichts an der Problematik. Erstens fließen Provisionen an eine unbekannte Partei, die möglicherweise eigentlich anderen Personen zustehen würden. Affiliate-Programme wie das von Amazon schreiben in ihren Richtlinien zudem ausdrücklich vor, dass Links transparent und erkennbar eingesetzt werden müssen. Beides ist hier nicht der Fall. Zweitens erhält Motorola oder ein Drittanbieter durch die Umleitung Einblicke in das Kaufverhalten der Nutzer, ohne dass diese darüber informiert wurden oder zugestimmt hätten. Aus datenschutzrechtlicher Sicht ist das in Europa unter der DSGVO heikel. Drittens beschädigt die Praxis das Vertrauen in die Marke, unabhängig davon, ob sie bewusst eingesetzt oder durch einen Fehler verursacht wurde.

Das Vorgehen erinnert an den Skandal um die PayPal-eigene Browsererweiterung Honey, die ebenfalls Affiliate-Attributionen zu ihren Gunsten veränderte. Der wesentliche Unterschied: Honey war eine freiwillig installierte Erweiterung. Smart Feed ist ab Werk auf dem Gerät, versteckt, und für normale Nutzer ohne technisches Hintergrundwissen praktisch nicht auffindbar.

So lässt sich das Problem beheben

​Wer feststellt, dass er ein betroffenes Motorola-Gerät besitzt, kann die Smart Feed App in den Systemeinstellungen deaktivieren. Der Weg dorthin: Einstellungen -> Apps -> nach "Smart Feed" suchen -> antippen und dann auf "Deaktivieren" tippen. Ggf. muss die Option "Systemapps anzeigen" aktiviert sein. Laut 9to5Google hat das auf dem Razr Fold die Umleitungen sofort unterbunden, ohne sonstige Einschränkungen am Gerät zu verursachen. Eine endgültige Lösung durch Motorola in Form eines Updates steht noch aus.

Quelle(n): Reddit | 9to5Google

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